Rule Britannia!

"Speaker" John Bercow und seine Sally. Er Conservative, sie Labour (Foto: Netz-Kombi)

 

 

 

 

 

 

 

 

Oooordääär! Brüllt er den Brexit weg?

 

 

Von PETER BARTELS 

Dinge ändern sich manchmal über Nacht … Gerade noch rieben sich die Briten die Augen … schmunzelte die halbe Welt über den brüllenden Unterhaus-Speaker John Bercow. Jetzt hat sich plötzlich über Nacht der Wind gedreht. Den Briten dämmert: Der Speaker hat womöglich den Brexit weggebrüllt. Und das will mehr als die Hälfte auf keinen Fall …

 

Schlagzeile der Massenzeitung „The Sun“: „B*LL*CKS to Bercow“ – Bercow kann uns mal“. Eine Anspielung auf den Protest-Sticker, den Bercows Ehefrau auf ihrem Auto kleben hatte: „BOLLOCKS TO BREXIT“ (deutsch: Scheiß auf den Brexit). Die ebenfalls konservative „Daily Express“ brüllte auf der Titelseite Richtung Speaker: “Brexit Destroyer“ - Brexit-Zerstörer. Und: Bercows Entscheidung ist „völlig unwillkommen“, schüre Angst. Seine politische Eitelkeit ist eine „Abrissbirne im wichtigsten politischen Prozess seit Jahrzehnten“. Die  konservative „Daily Mail“ nennt es sogar einen „Akt der Sabotage“. Und: Der Parlamentspräsident hat „Anti-Brexit-Vorurteile“. 

 

Die hatte der kleine Konservative (1,68 m) mit der großen Labour-Frau (1,80 m) allerdings auch nie verschwiegen. Im Gegenteil: Ich haben gegen den Brexit gestimmt sagte er immer und überall. Wie eben auch seine Frau Sally (40). Die sogar, obwohl Labour, in weiten Teilen auch raus aus EU-ropa will. Und so brüllte der Speaker Montag auch den vorerst letzten Schachzug von Premierminister Theresa May vom Brett: Ihren Brexit-Plan vom inzwischen ermüdeten Parlament beim dritten Mal durchwinken zu lassen – einen geordneten Ausstieg: „Oooooordeeeer … Oooooorder!“

 

Dann drohte er den verdutzten Abgeordneten, der verdatterten Premierministerin mit einer 415 Jahre alten Regel. BILD: „Sie ist seit 1604 nur zwölf Mal angewandt worden, zuletzt 1920“. Wie alle englischen Zeitungen berichten oder aufheulen. BILD: „Mays Kabinett ist fassungslos, ebenso wie der Rest der Insel!“ Und: „Dabei gehört er eigentlich sogar zu Mays konservativer Partei, seine Mitgliedschaft ruht nur für die Zeit seines Amtes als Parlamentschef.

 

Oooordääär, alles in Ordnung, Mister Juncker

 

Jetzt also sein Verdikt: „Das Unterhaus darf kein weiteres Mal über den selben Brexit-Deal abstimmen . Ohne Änderungen verstoße es gegen eine Regel aus dem 17. Jahrhundert; dieselbe Vorlage darf nicht beliebig oft innerhalb einer Legislaturperiode zur Abstimmung gestellt werden.“

 

Und die Premierministerin war mit fast genau diesem Brexit-Abkommen schon zwei Mal im Parlament krachend auf die krumme Nase gefallen. BILD: „Diesen Mittwoch, einen Tag vor dem Beginn des EU-Gipfels, sollten die Abgeordneten ein drittes Mal über den zwischen May und Brüssel ausgehandelten Vertrag abstimmen. Dies ist nun zeitlich nicht mehr zu schaffen.“

 

So ist es: May m u ß jetzt endlich einen Plan B herzaubern, eine 3. Version. Erstmal  EU-Ratspräsident Donald Tusk um einen „Brexit-Aufschub“ bitten. Sie hat jedenfalls schon anderthalb Stunden mit ihren wichtigsten Ministern darüber palavert. Vor allem über die Auswirkungen der Entscheidung des Briten-Brüllers.

 

Der kleine Konservative mit dem großem Maul  wird derweil mit seiner grossen  Labour-Lady abends feixend  at home am Kamin beim Whisky sitzen. Vielleicht denken beide sogar: Ooordääär – alles in Ordnung, Mister Juncker …