Christchurch

Premierministerin Jacinda Ardern tröstet Überlebende, Angehöhrige der Opfer (Foto: Euronews)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weisser Mann am Arsch der Welt

 

Von PETER BARTELS

 

ZDF-Moderatorin Barbara Hahlweg (50) trug Schwarz. Ihr Blick war dunkel. Ihre Stimme tonlos, ergriffen, kaum zu verstehen: Christchurch. Totenlichter. Blumen. Eine junge, christliche Ministerpräsidentin als Moslem-Madonna, Trauerkopftuch, schwarzes Edelgewand, goldgerandet; Pieta, die Schmerzensreiche. Ein weisser Mann am Arsch der Welt hatte 50 Moslems in zwei Moscheen niedergemetzelt.

 

Mit einer Kopfkamera alles gefilmt. Facebook around the world … Neu Seeland, irgendwo unter unseren Füßen, auf der anderen Seite des Globus. Deutschland, die Welt blieb stehen. Bei den Medien jedenfalls …

 

  • BILD-Chef Julian Reichelt (38), offenbar mit braunem Strich in den Boxershorts, aber tapfer: „Trauer ist keine journalistische Disziplin. Journalismus muss zeigen, was geschehen ist. Journalismus ist dazu da …die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat der Propaganda zu entreißen…“

 

  • Die Hannoversche Allgemeine prahlte lieber mit den Augendeckeln klimpernd, demütig in vorauseilendem Gutmenschen-Gehorsam: „Warum wir keine Bilder vom Attentäter zeigen. Unsere Redaktion hat sich entschieden …“

 

Hamed Abdel-Samad (47), Ägypter, Moslem, Politwissenschaftler, Autor („Mohammed - eine Abrechnung“) auf ACHGUT, der Achse des Guten:

 

  • „Die, die nach einem islamistischen Terroranschlag immer betonen, dass der Terror keine Religion hat, haben festgestellt, dass der Terror doch eine Rasse hat …“

 

  • „Die gleichen Leute, die verlangen, Muslime nicht unter Generalverdacht zu stellen, reden nun ungehemmt vom „weißen Mann“ als Kategorie …“

 

Weisse Rassisten, Moslem Rassisten

 

Und dann: „Jeder Mensch, egal aus welcher Rasse oder Religion, ist zu allem fähig, im positiven wie im negativen Sinne … Die „white supremacists“ (Vorherrschaft) unterscheiden sich nicht viel von den „muslim supremacists“. Beide glauben an eine Weltverschwörung gegen sie. Beide träumen davon, die Welt unter ihrer Kontrolle zu bringen. Beide hassen sich nach außen hin, doch in Wirklichkeit beflügeln sie sich gegenseitig, liefern einander Argumente für den Fortbestand … Die drei Säulen der klassischen Identitäten sind massiv geschwächt: Nation, Religion, Männlichkeit …

 

Christchurch liegt an der Ostküste der Südinsel Neuseelands, 374.900 Einwohner, very british, mittendrin schlängelt sich der Avon; flache Stechkähne, "Punts", gleiten dahin. Am Ufer Radwege … der Hagley Park … der Botanische Garten. Ganz New Zealand: 4,78 Millionen Einwohner.

Engländer, Deutsche, Italiener, Polen, Holländer. Staatsoberhaupt die Queen, Hymne: „God Save the Queen“. Ministerpräsidentin Jacinda Ardern(39), Papa Polizist, Mormone, also Christ, Studium Kommunikation, Beruf Null aber Bachelor. Lebensgefährte, Töchterchen kam im Dienst ...

 

In Neu Seeland leben 67,6 % Weisse, 14,6% Ma-ori (Ureinwohner), 9,6% Asiaten. 42% sind Christen, 24% sind „Nix“, 50.000 Moslems; Pakistan, Bengladesh. In „Herr der Ringe“ gibt’s noch die Hobbits, Mittelerde, irgendwo in New Zealand. Alles ist wunderschön. Eigentlich das wirklich wahre letzte Ufer der Menschheit … Nun also stürmte ein bekloppter „weisser Mann“ in die Moschee von Christchurch: Brenton Tarrant (28), Australier, Personal Trainer, Fitness-Studio, Erbe, Blutbad mit dem Schnellfeuergewehr in zwei Moscheen, „Freitagsgebet“, 50 Tote, 3 bis 77 Jahre, 36 Verletzte, zwei in Lebensgefahr, auch eine Vierjährige.

 

Charlie Hebdo? Bataclan? Kopfab-Videos?

 

Julian Reichelt: „Immer wieder hat BILD drastische Fotos, Videos vom Leid gezeigt, das islamistische Terroristen angerichtet haben: Die Ermordeten auf der Tanzfläche des Pariser Clubs „Bataclan“. Die eiskalte Hinrichtung eines Polizisten vor der Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“. Die Gräueltaten in ISIS-Videos, die als Propaganda um die Welt geschickt wurden. Nun zeigen wir auch Bilder und Sequenzen aus dem Video, das der rechtsextreme Terrorist von Christchurch während seiner abstoßenden Tat anfertigte. Wir zeigen diese Bilder ganz bewusst. Wir glauben, dass wir diese Bilder zeigen müssen …

 

WARUM? Die Opfer sind Muslime, die im Haus ihres Gottes niedergemetzelt wurden. Ihnen und ihren Angehörigen gelten unsere Gedanken und unser Mitgefühl – genauso wie allen anderen Opfern von Terrorismus.  Journalismus darf solche Bilder aber nicht Social Media überlassen.

 

Der junge Mann lügt. Er zeigte damals nicht  Er schrieb auch nicht, was in der Pariser Schwulen-Disco (130 Tote, 350 Verletzte) wirklich geschah … Nicht, wie die IS-Massenmörder den Frauen den Bauch aufschlitzten, den Männer die Geschlechtsteile abschnitt, in den Mund stopfte … Nicht, wie die Polizei draussen wartete, bis alles still war …  Nicht, wie andere IS-Moslems im Sand knienden Männern in Orange-Overalls mit dem Messer langsam den Kopf abschnitt, einem nach dem anderen. Google, Facebook, Twitter sperrte diese Videos sogar … sofort … Wie jetzt in Christchurch natürlich auch … Nachahmer. Zu grausam. Verstoß gegen die Standarts. BILD war schneller …

 

Die Freiheit ist so schwach …

 

Natürlich hat Julian Reichelt das alles damals zurecht nicht in BILD gezeigt. Aber das „Trotzdem“-Trauermarsch-Theater in einer abgeschotteten Nebenstraße von Macron und Merkel am Tag danach, hat er betroffen  gezeigt … Und jetzt zeigt der junge Mann das Christchurch-Video auch nur, weil’s ein schrecklicher weisser Mann war, ein Rechtsradikaler. Ein Geistesgestörter? Was auch immer. In Monster in jedem Fall. Wie alle Massenmörder. 

 

Hamed Abdel-Samad: „Die wirtschaftliche, politische und kulturelle Asymmetrie zwischen Ost und West wächst und bietet den Extremisten auf beiden Seiten mehr Brennstoff für den Hass. Das Problem liegt daran, dass unser Bekenntnis zur Freiheit so schwach ist wie seit langem nicht mehr!“

 

Hier, genau hier liegen auch die Toten von Christchurch begraben.